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"Rechtschreibreform": ss statt ß nach kurzem Vokal
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Ungefähr 90% (die Präsidentin der Kultusminister-Konferenz sagt: 95%) aller Zwangsänderungen des Schriftdeutschen entfallen auf die ss-Schreibung statt ß. Sie ist somit das Erkennungsmerkmal eines jeden "reformierten" Textes. Das vermutlich auffälligste Einzelmerkmal ist die Konjunktion "dass". Der funktionale Unterschied zwischen (richtig geschriebenem) "daß" und dem Artikel bzw. Pronomen "das" hat manchen Kindern und auch Erwachsenen immer schon Probleme bereitet. Die Reform hat dem Problem ein neues Gewand bzw. eine neue Schreibung gegeben: Es besteht weiter, jetzt aber zwischen "dass" und "das".

konventionell zwangsreformiert
daß · Biß · Kuß, geküßt · laßt · Meßer-
gebnis
dass · Biss · Kuss, geküsst · lasst · Messer-
gebnis
AusnahmenAusnahmen
das (Artikel + Relativpron.) · bis · Eros
Albatros · Atlas · Iltis · Globus · Zeugnis
das · bis · Eros
Albatros · Atlas · Iltis · Globus · Zeugnis

1. ss-Regel

"Folgt einem betonten kurzen Vokal ein stimmloser s-Laut, schreibt man ss; folgt einem betonten langen Vokal oder einem Diphthong ein stimmloser s-Laut, schreibt man ß"; manchmal folgt noch die Einschränkung "... wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt", um etwa die List auszuschließen. So wird die Regel allenthalben kolportiert, und so soll sie dem Volk als "logisch" und hilfreiche Erleichterung verkauft werden. Natürlich ist sie es nicht:

  1. ist sie schon deshalb nicht logisch, weil
    1. die völlig unbegründeten Ausnahmen (siehe oben), wie üblich, gleich mitgeliefert werden – vor allem Wörter auf -as, -is, -os und -us –,
    2. z. B. mit einem Kompromiss sogar die Ausnahme von der Ausnahme verordnet wird und so ein Riss durch die Ausnahmeregel geht   und
    3. die Beschränkung auf Wortstämme ohne Konsonant nach dem s-Laut (Bast, bis, Last, List, Rast etc.) sogar eine systematische Ausnahme darstellt, die die Regel verkompliziert;
  2. folgt diese Bestimmung nur scheinbar der allgemeinen Regel, daß Konsonanten nach kurzem betontem Vokal zu verdoppeln seien, denn im Falle des Mitlaut-Buchstabens k ist ck zu schreiben, das nun sogar im Falle von Trennungen das kk ersetzen soll (He-cke), die Regel also bewußt hintertreibt; ein weiteres Beispiel ist das t: Wenn analog zu "müssen" nun "muss" in den Schulen geschrieben werden muß, wieso schreibt die Schulregel dann analog zu hatten und hätten nicht hatt statt hat vor? (Vielleicht hat der Autor auch nur nicht mitbekommen, daß Plattdeutschsprecher ihren Artikel dat jetzt mit doppeltem t schreiben sollen!?)
        Wenn die Konsonanten-Verdopplung derart willkürlich kodifiziert ist, wieso soll sie dann ausgerechnet bei einem Konsonanten konsequent durchgesetzt werden, dessen Buchstabe in Wirklichkeit gar nicht verdoppelt werden soll: Statt richtig "Schluß" soll ja nun nicht "Schlußß" (von schließen) geschrieben werden, sondern "Schluss"!
  3. muß ein angehender (und sicher auch mancher älterer) zwangsreformierter Schreiber immer darüber nachdenken, ob ein Vokal vor dem End-[s] lang oder kurz zu sprechen ist, was etwa bei Spaß (oder Spass?) keinen Spaß macht und zudem der wissenschaftlich nicht haltbaren These Vorschub leistet, Schreibung gebe Lautung wieder (Orthographie Linguistik). Konventionell hingegen wird das End-[s] generell durch ß realisiertFunktionen des "ß" – bis auf die genannten (auch bislang) unbegründeten Ausnahmen;
  4. widerspricht auch die scheinbar logische Regel des kurzen Vokals dem Prinzip der Stammschreibung, das Schulanfängern angeblich das Schreiben erleichtern soll: Von etlichen Verben mit ss bzw. ß im Infinitiv sollen konjugierte ('gebeugte') Formen weiterhin jeweils anders geschrieben werden:
    konventionellzwangsreformiert Ergebnis des Vergleichs
    lassen: er läßt lassen: er lässt einheitlich ss in "reformierter" Schreibung
    beißen: er biß beißen: er biss einheitlich ß in konventioneller Schreibung
    beißen: er beißt beißen: er beißt einheitlich ß in beiden Schreibungen
    wissen: er weiß wissen: er weiß uneinheitlich in beiden Schreibungen
    Weitere Beispiele lassen sich in Verb-Substantiv-Paaren finden: gießen – Guss, schießen – Schuss, reißen – Riss etc. Kinder mußten sich bisher am Wortende nur zwischen s und ß, also zwei Varianten (obere Zeile), entscheiden; jetzt müssen sie sich, wie die folgenden Beispiele mit den fünf Vokalen (a, e, i, o, u) zeigen, mit drei Varianten herumplagen (untere Zeile):
    sßss
    Gas · es · bis · los · Bus vergaß · Streß · biß · Kloß · muß
    Gas · es · bis · los · Bus vergaß · Fleiß · gieß · Kloß · Ruß Fass · Stress · biss · goss · muss
    Da die Länge des vorangehenden Vokals erfahrungsgemäß nicht ständig bewußt mitgehört wird (siehe Punkt  3), ist das Schreiben für Schreibanfänger jetzt schwieriger, nicht leichter;
  5. werden Zusammensetzungen aus Wörtern, von denen das erste auf ß endet bzw. jetzt auf ss enden soll und das zweite mit s beginnt, nicht nur unästhetisch, sondern verwirren den Lesen auch zunächst (wobei ein Eigenname wie Litfaßsäule gar nicht geändert werden darf):
  6. Anschlussstück · Bissspuren · Delikatesssenf · Essstäbchen · Fitnessstudio · Genusssucht · Haselnussstrauch · Imbissstube · Kongresssaal · Litfasssäule · Messskala · Nussschale · Pressspan · Reißverschlusssystem · Schlussstrich · Verschlusssache

  7. werden Zusammensetzungen (Komposita) aus Wörtern, deren erstes auf ß endet bzw. jetzt auf ss enden soll, beim ersten Lesen und besonders im Fall der Trennung am Satzende unverständlich, wenn die Ergänzung dieses ersten Wortes um die nächste Silbe ebenfalls Sinn ergibt: Messer-gebnis;
  8. und vor allem ist die Verdoppelung des folgenden Konsonanten auch ganz grundsätzlich unlogisch: Wenn ein Vokal unterschiedlich (nämlich mal kurz und mal lang) ausgesprochen wird, dann hat es nichts mit Logik zu tun, wenn ein anderer (!) Laut, nämlich der nachfolgende Mitlaut, z. B. zu verdoppeln ist. Logisch im Sinne einer Schreibung analog zur Aussprache und auch leichter zu lernen wäre es, wenn ein unterschiedlich ausgesprochener Laut selbst (!) unterschiedlich in der Schreibung dargestellt würde, also kurze Vokale einfach und lange Vokale grundsätzlich doppelt geschrieben würden; und in der Tat gibt es dafür in der deutschen Sprache Beispiele: Saal, Waage (erst seit 1927 mit doppeltem a), Beet (im Gegensatz zu Bett), Seele, Boot, Moor etc. Sogar die Neuschreibung bietet ein Beispiel dafür: Neben der alten Schreibung "Exposé" soll dieses Wort nun vorzugsweise "Exposee" geschrieben werden;
  9. und schließlich führt die Regel zu ihrer Hypergeneralisierung bzw. Überanpassung: "Viele Grüsse!"Hypergeneralisierung: "ss" Das hängt nicht zuletzt mit der Praxis der meisten Schreiber zusammen, sich die Vokale vor einem [s] nicht laut oder gedanklich vorzusprechen (siehe Punkt  3) und so bewußt zu machen, sondern einfach von der Qualität des s-Lautes in einem Wort (stimmlos oder stimmhaft?) oder von seiner Position auszugehen. Nachdem die Endposition eines Wortes oder einer Silbe nach kurzem Vokal für die ss-Schreibung freigegeben wurde, reißt sie daher die Endstellung des ss nach langem Vokal mit sich ...

Das Fazit ist für die "Reformer" beschämend:

  1. Weder nach der Länge bzw. Kürze des vorausgehenden Vokals (Zeugnis, Rast etc.) noch nach dem Wortstamm (Riss, Schluss) kann eine Regel die staatlich verordnete ss-Schreibung begründen;
  2. weder die Vokal-Länge noch der Wortstamm sind für den Schreiber im Moment des Schreibens das vorrangige Kriterium für die Schreibung des [s]-Lautes, wie die zunehmende Hypergeneralisierung der ss-Schreibung zeigt;
  3. zusätzlich treten bei Wortzusammensetzungen und -trennungen unschöne Nebenwirkungen auf;
  4. die dokumentierten Regelbrüche, Ausnahmen und Ausnahmen von Ausnahmen behalten entweder die bisherigen Schwierigkeiten bei oder machen die Schreibung noch schwieriger. Die einzige zuverlässige und nachvollziehbare Regel lautet: Dort, wo bislang nach kurzem Vokal (!) "ß" geschrieben wird, schreibe man jetzt reformiert "ss". Ohne die konventionelle ß-Schreibung ist die zwangsreformierte ss-Schreibung nämlich für die allermeisten Menschen nicht zu verstehen, und das gilt auch für die heranwachsenden Schülergenerationen! Empirie: Erfahrungen, Untersuchungen Die Regel "ss nach kurzem Vokal" ist also eine reine Umlernregel und taugt nicht für Neulerner.

2. Plausibles ss?

Seltsamerweise findet gerade die Ersetzung des ß durch ss von allen Regeländerungen noch am ehesten Gnade – selbst bei harschen Kritikern der Schreibreform: Der Publizist und Lyriker Hans Krieger etwa schrieb in seinem lesenswerten Rechtschreibschwindel: "Die Neuregelung ist hier immerhin vernünftig begründbar; sie bringt eine minimale Vereinfachung: statt zwei Regeln nur noch eine." Professor Dr. Horst Haider Munske schrieb anläßlich der Vorlage des dritten Berichts der "Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung" im März 2002: "Sprachwissenschaftlich gesehen, handelt es sich um die plausibelste aller Änderungen, um eine systematische Vereinfachung bisheriger Regeln. Erleichtert wird die Rechtschreibung durch diese Neuregelung freilich nicht."
    Ist ein Doppel-ss am Wortende wirklich plausibel? Da, wie gesehen, die alten Ausnahmen bleiben sollen, die Konsonanten-Verdopplung ohnehin nicht durchgehalten wird und die Stammschreibung als Argument entfällt (schließen – Schluss), kann es mit einer Plausibilität oder gar Logik nicht allzu weit her sein. Daß die Regeln auf nur noch eine reduziert worden seien, widerspricht zudem ihrer Beschränkung auf das End-s (also auf das s ohne folgenden Konsonanten im Wortstamm). Wie unlogisch (besser: inkonsistent) das Doppel-s schon grundsätzlich ist, beweisen diese weitergehenden Überlegungen:

  1. Wenn wir von Konsonanten-Verdopplung nach kurzem Vokal sprechen, meinen wir nicht wirklich, daß nach kurzem Selbstlaut ein doppelter Mitlaut folgen soll, denn beide sind ja nur Laute, die als solche nicht geschrieben, sondern gesprochen werden, und zwar beide nur einmal. Wir meinen vielmehr, daß das graphische Zeichen, also der Buchstabe, für den Mitlaut zu verdoppeln sei. Der zu verdoppelnde Buchstabe kann aber im Falle des s-Lautes ein s wie auch ein ß sein. Endet das Wort auf -as, -is, -os oder -us (Atlas, Zeugnis), so soll es weiterhin meist keine Verdopplung des s am Wortende geben; endet es hingegen auf ß ("daß", "muß", "Riß", "Schuß"), soll nicht das ß verdoppelt werden, sondern der Buchstabe s, der zuvor gar nicht da war!
        Wer folglich eine "Konsonanten-Verdopplung nach kurzem Vokal" befürwortet, spricht einmal von einem Buchstaben und ein andermal von einem Laut, und das ist sprachwissenschaftlich unpräzise.
  2. Nun benutzt die zitierte Regel nicht den Begriff der Konsonanten-Verdopplung, sondern fordert einfach, ein doppeltes s zu schreiben, was die erläuterte Inkonsistenz vermeidet: Ein s-Laut nach kurzem Selbstlaut ist demnach auf der Schriftebene einfach durch "ss" wiederzugeben. Willkürliche Setzungen solcher Art sind nicht plausibel zu machen, sie sind in der Rechtschreibung einer Sprache aber grundsätzlich durchaus legitim, da das Laut-Buchstaben-Verhältnis als Konvention ja grundsätzlich willkürlich ist. Dennoch zieht diese Ausflucht in die Willkürlichkeit nicht, da diese nicht plausibel ist:
        Wenn nach kurzem oder langem Vokal jeweils ein ganz anderer Buchstabe (und dieser womöglich auch noch doppelt) geschrieben wird, dann geschieht dies in der deutschen Rechtschreibung vor allem aus etymologischen Gründen und zwecks einheitlicher Schreibung des Wortstamms: Das Lab und der Trab werden trotz ihres letzten Buchstabens wie der Lappen und die Trappe mit [p] ausgesprochen (nicht mit [b]), das Leid und das Rad wie die Zeit und der Rat am Ende mit [t] (nicht etwa [d]). Trab gehört aber zu traben, das mit dem weichen Konsonanten [b] gesprochen wird, Leid gehört zu leiden und Rad zu Räder bzw. radeln, die alle mit dem weichen [d] zu sprechen sind. Buchstaben für einen Konsonanten kennzeichnen also grundsätzlich nicht die Länge eines vorausgehenden Vokals, sondern den Konsonanten selbst – wenn dieser nur eine Variante des jeweiligen Morphems (ein Allomorph) ist.
  3. Daß dem so ist, zeigt auch die aktuelle Entwicklung: Die Geschwindigkeit, mit der seit der "Reform" das ß auch nach langem Selbstlaut durch "ss" ersetzt wird (siehe Fehlergalerie), rührt daher, daß das ss seit Verkündung der "Reform" zunehmend als graphische Darstellung des scharfen bzw. stimmlosen s (in der Lautschrift also [s]) fehlinterpretiert wird. Die doppelte Schreibung des Buchstaben s kennzeichnet hier also nicht einen vorausgehenden kurzen Selbstlaut, sondern den (stimmlosen) [s]-Laut selbst, was durchaus natürlich und naheliegend ist. Wenn aber der von der Kultusministerkonferenz losgetretene Trend in eigener Dynamik dahin geht, das stimmhafte s (in der Lautschrift: [z]) als "s" und das stimmlose ([s]) als "ss" zu schreiben, so erreichen wir bald Schweizer Verhältnisse, die als solche zwar praktikabel sind (nämlich seit einem halben Jahrhundert praktiziert werden), aber aus dem deutschen Schriftsystem herausfallen:
        Die weichen, stimmhaften Konsonanten [b] bzw. "b", [d] bzw. "d" und [v] bzw. "w" werden in ihren harten, stimmlosen Ausprägungen bekanntlich zu [p], [t], und [f] und "p", "t" "f" geschrieben – also mit jeweils einem anderen Buchstaben. Es entspräche diesem System, für das stimmhafte s bzw. [z] das "s" und für das stimmlose s bzw. [s] grundsätzlich das "ß" (statt "ss") zu schreiben. (Eine Alternative wäre für den stimmhaften s-Laut das "z" und für den stimmlosen das "s" – dann wäre das "z" durch "ts" zu ersetzen und das "ß" entbehrlich.) Allerdings würden wir uns damit ein neues Problem einhandeln: Die Länge des vorausgehenden Vokals wäre nicht mehr graphisch gekennzeichnet, das eine "Muß" (oder "Mus", Bedeutung: 'Mus') vom anderen "Muß" (oder "Mus", Bedeutung: 'Muß') nicht mehr auf den ersten Blick zu unterscheiden. Um nicht "müßen" (oder "müsen") schreiben zu müssen, könnte die Lösung natürlich wie bisher in der Buchstabenverdopplung der Konsonanten bestehen: "müßßen" (oder "müssen". Die plausible, aber heute nicht mehr durchsetzungsfähige Alternative wären "Muuß" (oder "Muus") für das 'Mus', "Muuße" (oder "Muse" im Gegensatz zur "Muze") für die 'Muße' etc.

3. ß-Funktionen:

Das "ß" ist übrigens nicht als Zeichen für zwei "s" entstanden, sondern als Verbindung zweier verschiedener s-Graphen: des lang geschriebenen Binnen-s (sieht aus wie eine lange 1) und des runden End-s (ähnelt einer 6). In korrektem, d. h. konventionellem Schriftdeutsch wird es in dreifacher Funktion verwendet:

  1. als Einzelbuchstabe zur Wiedergabe des stimmlosen [s] nach langen Vokalen und Diphthongen, wenn noch ein Vokal folgt ("grüßen", "heißen") und infolge der Stammschreibung auch vor dem t eines Suffixes (einer 'Endung'; Beispiel: "grüßt") und am Silbenende ("Gruß");
  2. als typographische Variante von "ss" am Silbenende und vor konsonantisch anlautenden Suffixen, wenn dort aufgrund der Stammschreibung "ss" stehen müßte: "Haß, haßt, haßerfüllt" (zu hassen);
  3. als Ausnahme zur Unterscheidung von "das" in "daß".

Die Regel zum Gebrauch des ß kann allerdings viel einfacher formuliert werden, als sie bislang von Linguisten und Lehrern dargestellt wurde:

Man schreibe "ß", wenn ss nicht getrennt werden kann oder darf!

  "Grosse" Haie (Litfaßsäule)

4. Empirie: Erfahrungen, Untersuchungen

Ob eine Schreibregel "richtig" ist, hängt bestimmt nicht von ihrer erzwungenen Umsetzung oder Akzeptanz unter abhängigen Minderjährigen ab, sondern von ihrer Praxis unter unabhängigen Erwachsenen. Umgekehrt belegt aber die mangelnde Umsetzung gerade einer Zwangsregel durchaus ihre Schwäche. Die womöglich einzige wissenschaftliche Untersuchung zur Umsetzung der zwangsreformierten Schulschreibung stammt von Prof. Dr. Harald Marx, einem Erziehungswissenschaftler und Schriftsprachforscher der Universität Leipzig: In Vergleichsstudien an Grundschülern untersuchte er 1996, 1998 und 2001 die ss- und ß-Schreibung:
    Die ß-Schreibung verschlecherte sich zunächst, war aber 2001 wieder genauso gut oder schlecht wie 1996. Die ss-Schreibung hingegen wird seit 1998 immer schlechter aufgrund einer Übergeneralisierung der ss-Regel. Der Wissenschaftler erklärt das psychologisch mit dem Fehlen einheitlicher orthographischer Vorbilder in der Gesellschaft, die die Reform oft nicht akzepztiert. Marx in einem Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung am 21.08.2004: "Wir müssen uns davon verabschieden zu glauben, dass die Reform eine Erleichterung gebracht hat."

Ein Plakat, das das Schreibverhalten von Kindern prägt.

Wie sich die neue ss-Schreibung auswirkt, ist ein Jahrzehnt nach ihrer Einführung auch vom sprachwissenschaftlichen Laien überall zu beobachten: Ihre Verallgemeinerung auch nach langen Vokalen schaut uns wortwörtlich von Plakatwänden an und wird in den Schulen fleißig kopiert. Auch die Verwechslung des Artikels oder Relativpronomens das mit der Konjunktion dass macht Fortschritte und beweist erneut, daß wir uns nicht an Regeln, sondern Mustern orientieren: Im "Gesprächsleitfaden für Einbürgerungswillige in Baden-Württemberg" (einem Ausfluß der Leitkultur-Diskussion) etwa liest man: "17. Ihre volljährige Tochter/Ihre Frau möchte sich gerne so kleiden wie andere deutsche Mädchen und Frauen auch. Würden Sie versuchen, dass zu verhindern? Wenn ja: Mit welchen Mitteln?"
    Abgesehen von der Formulierung "wie andere deutsche Mädchen und Frauen auch", die ja eine deutsche Staatsbürgerschaft schon vor der Einbürgerung suggeriert: Die Konjunktion dass ist hier natürlich Unsinn, gemeint ist das. Verursacht wird der Fehler durch das vorausgehende Komma, dem bekanntlich oft die Konjunktion dass als Einleitung eines Nebensatzes folgt: "Er sagte, dass [= daß] er krank sei." Die häufige Zeichenfolge , dass (Komma–Leerzeichen–dass) wird also auf Fälle verallgemeinert, in denen nach dem Komma ein Relativpronomen stehen muß, und erleichtert wird dies durch die stärkere Ähnlichkeit des das mit dem dass als mit dem daß. Der Autor selbst erhielt z. B. eine eMail mit folgendem Einleitungssatz: "Hallo, uns ist ein kleines Zebrafink-Weibchen zugeflogen, dass wir leider nicht selbst behalten können."

5. Geschichte

Die Entstehung des typisch deutschen ß ist noch nicht völlig aufgeklärt. Die Urheber der herkömmlichen Verteilung von ss und ß allerdings sind bekannt: Als Wegbereiter gilt Johann Christoph Gottsched (1700–1766) mit seinem Werk Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst, durchgesetzt wurde sie offenbar von Johann Christoph Adelung (1732–1806). Die "reformierte" Verteilung von ss und ß geht auf Johann Christian August Heyse (1764–1829) zurück, der sie ab 1814 in seinen Grammatiken propagierte. Erst 50 Jahre nach Heyses Tod wurde die "Heysesche ss-Schreibung" erstmals offiziell eingeführt: Von 1879 bis 1902 galt sie in Österreichs Schulen und wurde auch im Reichsgesetzblatt und von den Innsbrucker Nachrichten verwendet. 1941 sahen auch die unter Reichserziehungsministers Bernhard Rust herausgebrachten "Vorschläge zur Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung" das Doppel-s nach kurzem Vokal vor, und in NAZI-Dokumenten ist es in der Tat heute noch nachzulesen; mit dem nahen Kriegsende kam auch sein Ende.

6. Empfehlung

Vom Doppel-s die Finger lassen! Die nur scheinbar logische Regel der alten "Heyseschen s-Schreibung" ist ein bereits Ende des 19. Jahrhunderts gescheitertes Experiment. Sollte staatlicher Druck in Deutschland und Österreich es dennoch durchsetzen, kann es leicht zur generellen Ersetzung des ß durch ss führen, wie sie in der Schweiz praktiziert wird.
    Im August 2004 wiederholte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zum wiederholten Male ihren "Kompromißvorschlag", auch das zu übernehmen, "was ohne nennenswerten Schaden hinnehmbar ist", und das sei unter anderem und vor allem die ss-Schreibung nach kurzem Vokal. Hätte die Akademie Erfolg, wäre dereinst in Geschichtsbüchern sinngemäß zu lesen: Zur Wende zum dritten Jahrtausend wurde in Deutschland eine "Rechtschreibreform" durchgesetzt, weil ihr mit 95% häufigstes Merkmal – statt ß nach kurzem Vokal nun meist ss – "ohne nennenswerten Schaden hinnehmbar" erschien und die Kultusminister als Auftraggeber so ihr Gesicht wahren konnten. Soll es soweit kommen?
    Die (didaktische) Nutzlosigkeit der ss-Regel spricht übrigens dafür, daß sie eigentlich nur als augenfälliges Erkennungsmerkmal der gesamten "Rechtschreibreform" wiedererweckt wurde, nachdem die "Reformer" mit der lange favorisierten sogenannten "gemäßigten Kleinschreibung" nicht durchgedrungen waren.

7. Spezielle Verweise

"Grüsse"

Eine Anekdote aus dem Buch Was heißt »wirklich«? — Unsere Erkenntnis zwischen Wahrnehmung und Wissenschaft, erschienen im OREOS Verlag: Als der Verlag diesen Titel zur Aufnahme ins "Verzeichnis lieferbarer Bücher" (VLB) an den Börsenverein meldete, änderte die VLB-Redaktion die vom Verlag vorgegebene Schreibweise eigenmächtig ab in: Was heisst »wirklich«? Der Clou: Auch nach der "Rechtsschreibreform" ist das falsch!

Dieses Phänomen der Überanpassung ist gerade beim auffälligen Doppel-s häufig zu beobachten: In ständiger Furcht, die neuen Regeln nicht zu beachten, wird die Regel zu "ss statt früher ß" reduziert. Die Folgen sind "mit freundlichen Grüssen" geschlossene Amts- und Geschäftsschreiben oder gedruckte "Grüsse" wie die nebenstehenden, die Nahrungsmittel-Industrie produziert "Süsses" für "Geniesser", und die Tagesschau (1. Fernsehprogramm) hat im öffentlichen Auftrage bereits "Fussball"-Ergebnisse veröffentlicht ...


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